Dank Jetlag sind wir früh wach. Ein Blick aus dem Fenster verheißt nichts Gutes: Der Regen peitscht noch immer über den Parkplatz. Die Urlaubsstimmung? Leicht getrübt.
Wir genießen noch einmal die heiße Dusche ohne Zeitlimit und verzichten aufs Hotelfrühstück. Stattdessen huschen wir über die praktische Glasbrücke zum Flughafen und sichern uns bei Timmies ein paar Frühstücks-Goodies.
Bei CanaDream haben wir uns eine Frühabholung gegönnt: Um 10 Uhr können wir unseren Camper übernehmen. Pünktlich zur Abfahrt mit dem Uber wird aus Starkregen immerhin nur noch Nieselregen. Na, wird doch!
Wir sind etwas zu früh dran und müssen noch einen Moment warten. Wir machen es uns mit Kaffee und WLAN bequem. Argh, wir hatten glatt vergessen, wie furchtbar kanadischer Filterkaffee schmeckt. Nach den Formalitäten gibt’s noch einen kleinen Schnack auf Portugiesisch. Unser Servicemitarbeiter hat portugiesische Vorfahren und kramt ein paar Sätze aus den Untiefen seines Gehirns hervor. Wir fragen nach dem Resteregal (end of season, alles schon entsorgt), lassen uns noch eine Extra-Decke geben und machen uns auf zum Camper.
Erster Schreck: Der Camper hat einen Alkoven… Ab zurück zum Counter, das muss das falsche Auto sein. Der Servicemitarbeiter bekräftigt, dass der Wagen trotz des Alkovens in die Super Van Camper Kategorie gehört und verweist zum Vergleich auf die anderen Camper daneben, die noch etwas wuchtiger aussehen. Wir hatten den SVC aber eigentlich deshalb gebucht, weil es überhaupt keinen Überhang hat. Leider ist nichts dran zu machen, ein anderer SVC ist nicht verfügbar und wir sehen auf dem großen Hof tatsächlich auch keinen anderen stehen. Enttäuscht legen wir mit dem Übernahmecheck los.
Zweiter Schreck: Wo ist eigentlich die Anzeige fürs Solar Panel? Wir hatten schließlich vor, ziemlich oft frei zu stehen und nur zwischendurch einen Campingplatz mit Stromanschluss anzusteuern. Oder sind wir einfach zu doof? Also zurück zum Counter. Der Mitarbeiter ist überzeugt, dass Solar an Bord ist. Sein Blick über eine Leiter aufs Dach bringt die Ernüchterung: Fehlanzeige! Die Urlaubsstimmung der Frau sinkt parallel zum grauen Himmel weiter in den Keller. Hilft nix, notfalls müssen wir unsere Route eben anpassen. Der erste Praxistest wartet schon heute Abend. Ansonsten ist alles sauber, vollständig und in Ordnung. Dank Packing Cubes ist das grobe Einräumen schnell erledigt; das Feintuning kann warten. Wir parken die Koffer an der Station und wollen endlich los.
Dritter Schreck: Der Camper springt nicht an! Also noch mal wieder zurück ins Büro. Wenig später steht ein Techniker vor uns und schaut in den Motorraum. Ein bisschen Ruckeln, unverständliches Genuschel, dann ein knappes „Just a minute“. Die Frau ist den Tränen nah und würde am liebsten wieder zurück nach Hause fliegen. Dem Countermitarbeiter ist die Situation sichtlich unangenehm und so bietet er uns unter anderem noch einen Toaster, Kaffeemaschine und ne Abtropfschale an. Nett gemeint, aber bis auf die Abtropfschale können wir davon nichts gebrauchen. Nach zehn Minuten läuft die Batterie wieder – anscheinend hatten sich die Zünddrähte gelöst. Na dann. Mit einem leicht mulmigen Gefühl fahren wir zum Tanken und Großeinkauf um die Ecke. Immerhin: Beim nächsten Start springt die Kiste sofort an. Das Vertrauen wächst. Ein bisschen.
Unterwegs nach New Brunswick kommen die ersten bunten Blätter in Sicht, das Wetter wird langsam besser und auch unsere Laune.
Bei Sonnenschein erreichen wir das Winegarden Estate irgendwo auf dem Land bei Baie Verte. Als Harvest Hosts-Mitglieder können wir uns mit unserem Camper irgendwo auf die Wiese stellen und den Blick über die Weinberge genießen. Zumindest theoretisch. Praktisch hat sich ein anderer Gast mit seinem riesigen Wohnwagen mitten auf der Wiese breitgemacht. Läuft bei uns! 😉
Wir finden trotzdem ein halbwegs ebenes Plätzchen ohne Door an Door zu stehen und melden uns erstmal ordnungsgemäß an. Dabei erfahren wir, dass es am Abend Live-Musik, Snacks und hausgemachte Sangria gibt. Ab 17 Uhr sind wir herzlich willkommen. Klingt nach einer Uhrzeit, die wir trotz Jetlag schaffen könnten. Chris, der Besitzer des Weinguts, ist Kanadier, seine Frau Alex Deutsche. Ehe wir uns versehen, ist aus dem netten Plausch eine ausgewachsene, kostenlose Weinprobe geworden. Da unser Magen noch ziemlich leer ist, überlässt Frau die Männer dem Fachsimpeln und zieht sich in die Camperküche zurück. Alex düst ebenfalls los, jemand muss sich um die Vorbereitungen für den Abend kümmern.
Zehn Minuten später stehen die beiden Herren mit Schnapsgläsern vor unserer Campertür. Frau muss den Anisschnaps jetzt uuuunbedingt sofort probieren! Wow, schmeckt genau wie der Aquavit, den Frau früher immer mit ihrer Oma getrunken hat. Chris ist so begeistert, dass eine Minute später die noch über halbvolle Flasche als Geschenk in unserem Camper steht. So schnell kann’s gehen. Nachdem Alex ihren Männe „sanft“ daran erinnert hat, dass es noch etwas vorzubereiten gibt, endet die Wein- und Schnapsprobe ziemlich abrupt. Ganz gut so, wir haben ja immer noch nichts gegessen. Anschließend genießen wir noch die Sonne und schlendern ein bisschen über das Gelände.
Kurz vor 17 Uhr wird es plötzlich lebhaft im Nirgendwo: Pick-ups rollen auf den Parkplatz, Taxis halten, Menschen strömen in den kleinen Laden. Auch wir machen uns so gut es geht ausgehfein. Doch in der Gaststube ist kein Platz mehr frei. Na toll! Also ab an die Bar im Verkaufsraum. Im Nachhinein ein Glücksgriff: Hier ist die Musik nicht ganz so laut und wir werden viel Spaß haben 😉 Wir quatschen mit Chris und einem Stammgast – natürlich mit deutschen Vorfahren, probieren die Sangria und ergattern das allerletzte der Snackgläser, die Alex heute Nachmittag vorbereitet hat. Später gesellen sich auch unsere Nachbarn zu uns. Auch ihnen war die Musik im Gastraum zu laut. Ken und seine Frau kommen aus den USA und sind nach zehn Wochen Kanada unfortunately wieder auf dem Rückweg nach Hause.
Wir plaudern weiter und wundern uns, warum es plötzlich voll wird um uns rum. Ach ja, wir sitzen quasi direkt auf dem Weg zur Kasse – und offenbar ist pünktlich um acht Feierabend. Den Amerikanern wird es zu trubelig. Wir hingegen wollen unseren Wein noch in Ruhe austrinken und genießen das muntere Treiben. Jeder muss an uns vorbei, jeder spricht uns an, und wir amüsieren uns köstlich mit und über die angeheiterten Kanadier.
Als Letzte begleichen wir unsere Zeche, nehmen noch ein Fläschchen Wein mit und machen uns auf den angenehm kurzen Weg zum Bett. Doch draußen wartet noch eine letzte Szene des Abends: Auf dem Hof steht ein uralter, typisch amerikanischer Campervan – mit roter Innenbeleuchtung. Das muss die angekündigte Abholung unserer Geburtstags-Mädelsrunde sein! Der Mann wirft einen Blick hinein und entdeckt tatsächlich die gesamte Frauentruppe, dicht gedrängt mit ihren offenen Weinfläschchen. Der Fahrer macht noch eine Ansage a la Flugkapitän, schwingt seinen Sitz nach vorn, das Licht erlischt – und unter großem Gejohle setzt sich das Gefährt in Bewegung.
Was für ein Tag! Erst Regen, dann Schreckmomente mit unserem neuen Zuhause auf Rädern – und am Ende Wein, Musik und gute Laune. Wenn der Urlaub so weitergeht, brauchen wir vor allem eins: gute Nerven. Und vielleicht noch ein zwei Fläschchen Wein.
Ideenliste
Wir haben immer eine Ideenliste am Start und nutzen diesen Fundus, um vor Ort spontan zu entscheiden, was wir je nach Lust und Laune oder auch Wetter ansteuern wollen. Manchmal machen wir viel, manchmal skippen wir auch alles und landen am Ende ganz woanders. Aber wir mögen es, ein paar Ideen in der Hinterhand zu haben. Vielleicht hilft sie jemandem von euch bei der Reiseplanung (kein Anspruch auf Vollständigkeit und ohne Gewähr ob wirklich lohnenswert). Was wir tatsächlich gemacht/gesehen haben, findet ihr kursiv markiert und i.d.R. auch oben im Reisebericht.
- Milbook Cultural & Heritage Centre, Truro: Mi'kmaw Museum > haben wir am letzten Tag besucht
- Fundy Discovery Site, Truro: Gezeitenwelle gucken
- Colchester Historeum, Truro: Museum Regionalgeschichte in Originalgebäuden
- Victoria Park, Truro: Großer Stadtpark mit mehreren Wassserfällen und Jakobsleiter (175 Stufen durch die Schlucht)
- Riverbreeze Farm, Upper Unslow: Farm mit Shop, Tieren und jahreszeitlichen Aktivitäten (Herbst z. B. Corn Maze, Pumpkin Patch; Frühlich: Tulpenfestival; Sommer: Sonnenblumenfestival)
- Shinimicas Provincial Park, Shinimicas Bridge: soll ein super Picknickspot sein, gerade auch im Herbst
- Cumberland County Museum & Archives, Amherst: Regionalmuseum im historischen Gebäude
- Amherst Stadt: Victoria Square, World Wars Memorial
- Fort Beauséjour National Historic Site, Aulac: Ruinen des alten Verteidigungsforts, Museum, Landschaft









Oha, das geht ja gut los. Bin gespannt, wie es weitergeht - hoffentlich ohne jegliche Ärgernisse.
Viele Grüße
Petra
So einen Start wünscht man sich ja mal überhaupt nicht, drücke die Daumen dass es ab jetzt bergauf geht!
Viele Grüße,
Fabian
Nächste Planung: Westcoast zur Elternzeit (Seattle - Las Vegas), 09/26 - 11/26
Hallo Toni und Mara,
oh, ruckeliger Start, schade mit dem Nicht-Super-Van, aber ich hoffe, ihr freundet euch mit dem Alternativ-Modell noch an. Und dass das Wetter nicht so wild bleibt!
Bin gespannt auf eure Tour.
Schöne Grüße, Janina.
Danke, Petra, Fabian und Janina fürs nachträgliche Mitfühlen. Ja, wir hätten uns das etwas anders vorgestellt, aber es glücklicherweise 'Ende gut, alles gut' am ersten Campertag wie ihr in der Fortsetzung oben sehen könnt.
Und mit unserem Gefährt haben wir uns glücklicherweise ziemlich schnell angefreundet. Spoileralarm: Wir haben das Solarpanel bis zum Ende des Urlaubs kein einziges Mal vermisst! Selbst bei zwei Übernachtungen hintereinander ohne Stromanschluss nicht. Offenbar war die Aufbaubatterie deutlich größer dimensioniert als bei unseren bisherigen Campern. Manchmal lösen sich Probleme eben von selbst – oder waren gar keine.
Liebe Grüße
Mara