Der Wecker klingelt zu unwirtlicher Zeit … und das im Urlaub – das Gepiepse macht mir aber ausnahmsweise nichts, denn ich bin schon wach. Klirrend kalt war es heute Nacht bei klarem Himmel brrr, da merkt man das nahende Saisonende hier oben. Wir schälen uns langsam aus unseren Decken-Schichten und machen uns daran, Frühstück und Wegzehrung vorzubereiten. Heute brauchen wir jeden Fitzel Energie, den wir einpacken können – die Mammutaufgabe Clouds Rest steht an, um die 13 Meilen und über 3100 ft an Höhendifferenz, das ist mal ne Ansage.
Neben der grundsätzlichen körperlichen Herausforderung des Hikes wird es spannend, ob wir es die letzten Meter über den Grat bis zum Ende schaffen. Wie ihr schon mitbekommen habt, leiden der Männe und ich beide unter Höhenangst – eine ungute Kombination, da wir uns gegenseitig an kribbeligen Stellen eher abhalten, statt uns Mut zu machen
Die vorherige YouTube Recherche lässt Böses vermuten … auch wenn die Leute immer ganz entspannt davon sprechen, dass es nur „a bit sketchy“ ist, bekommen wir beide allein beim Gucken der Videos der letzten 50-100 Meter auf dem Grat schon Schweißausbrüche. Aber wie heißt es so schön … wer nicht wagt, der nicht gewinnt!


Wir bugsieren die Lady rückwärts von der Site und stellen das Gebläse auf Vollgas. Bis zum Sunrise Lakes Trailhead sind es ein paar Meilen und so genießen wir aus dem sich langsam erwärmenden Inneren die in Frost gehüllten Meadows – so hübsch ![]()
Am Parkplatz des Trailhead um kurz nach 7 Uhr angekommen, stellen wir unsere Shäbbi Lady nicht auf dem schmalen Parkplatz selbst, sondern in einem Turnout ein paar Meter weiter an der Straße ab. Schwer bepackt stapfen wir hinüber und treffen dort auf eine kleine Ansammlung an Personen, die allesamt Clouds Rest auf dem heutigen Speiseplan haben – den ein oder anderen sollten wir an verschiedenen Stellen des Trails wiedersehen ![]()

Die ersten 1,5 Meilen laufen sich prima und dann naht er … der erste richtig üble Anstieg von über einer Meile mit großen Steinstufen und Serpentinen, poah. Der Schweiß beginnt zu fließen und nach einigen Höhenmetern führe ich für mich die Drei-Serpentinen-Regel ein … drei Stück gilt es zu schaffen und dann gibt es jeweils ein ordentliches Päuschen. Mittlerweile sind wir gut 15 Leute im Anstieg, in dem man sich serpentinenweise zuwinken kann, was fleißig von den Trüppchen zur Motivation genutzt wird. Zumindest macht man hier gut Höhenmeter, aber die Steinstufen sind für meine kurzen Beinchen doppelt ungemütlich … als die letzten Meter in Sicht kommen, bin ich ziemlich erleichtert und lasse mich oben erstmal fix und foxi für einen Snack auf einen Baumstamm fallen. Hier ist offizieller Rastplatz, jeder der schwitzend hier oben ankommt, legt ein Päuschen ein. Typisch amerikanisch wird jeder angequatscht und in unserem Fall natürlich von diversen Verwandten und Besuchen in Deutschland berichtet
Europäer treffen wir auf diesem anspruchsvollen Trail den ganzen Tag kaum.
Nach einer ausgedehnten Pause raffen wir uns auf und geben einige Höhenmeter direkt wieder ab. Der Trail lässt sich gut gehen, erfordert jedoch immer wieder das mehr oder minder geschickte Umschiffen von kleineren Wasserstellen und Felsen. Wir passieren einen kleinen See und kurz darauf geht es durch Grünzeugs schon wieder „ein paar“ Meter nach oben, eyeyeyey. Die Umgebung wird langsam karger, kleine Birkenwäldchen werden von einzelnen Pinien abgelöst. Ohne Sonnenbrille blendet der weiße, sandige Boden richtig. Noch immer ist es frisch, doch der blaue Himmel in Kombination mit dieser tollen Umgebung ist einfach wow.


Langsam rückt vorne linker Hand der vermeintliche Anstieg zu Clouds Rest ins Blickfeld, doch vorher hat der Trail noch einiges an Ungemach zu bieten. Wieder landen wir in zweistelligem Steigungsbereich, doch dieses Mal darf das Ganze auch noch ohne Treppenstufen überwunden werden. Ich eiere im Zickzack von Pinie zu Pinie und lehne mich immer mal wieder an meine tröstenden Baumfreunde an, um meinen schmerzenden Füßen eine Verschnaufspause zu gönnen. Der Männe kommt besser zurecht als ich und geht ein Stück voraus. Das hier ist mal einen „strenuous hike“, der seinen Namen echt verdient.


Aber was jammere ich herum: Auf dem Grat angekommen bleibt einem die Spucke weg – was für ein Blick. Unglaublich. Ich weiß gar nicht, wo ich mich zuerst hindrehen soll, jede Himmelsrichtung ist wunderhübsch und man kann z. B. den Tenaya Lake in der Ferne erspähen. Wir saugen den Anblick andächtig auf und … sammeln Mut für die noch anstehenden Meter. Hinter uns geht es nämlich nochmals steil bergauf, auf blankem Fels in die Höhe – und insbesondere rechts (dort liegt auch das Yosemite Valley) geht es einfach nur auf glattem Granit in die Tiefe.


Langsam wagen wir uns bergauf und der Grat wird stückweise schmaler - ist aber immer noch ziemlich breit mit so 10 Metern - doch auch der Blick zurück wird immer unangenehmer, man gewinnt schnell an Höhe, ieks. Der ein oder andere hervorstehende Felsbrocken lädt zu einer „Angst“-Pause ein und ich recke meine Kamerahand, um einen Blick auf das Objekt der Begierde zu erhaschen: Denn von hier oben kann man auf den Half Dome herunterblicken und da wollen wir doch unbedingt hin. Ein paar Meter gehen noch, doch dann ist Schluss – die böse Höhenangststarre setzt ein und wir beschließen uns unten nochmals zu sammeln (einen Müsliriegel einzuwerfen) und dann einen zweiten Anlauf zu versuchen.

Tröstlich ist, dass wir mitnichten die Einzigen sind, die zu kämpfen haben. Einige stapfen natürlich beneidenswert tiefenentspannt hinauf, doch das ein oder andere Gesicht spiegelt unsere Gefühle ![]()
Als wir unseren zweiten Versuch starten, schafft es der Männe etwas höher, doch ich streiche die Segel … Wind ist aufgekommen und treibt dunkle Wolken in unsere Richtung. Nicht hilfreich. Etwas enttäuscht breche ich ab und der Männe folgt kurz darauf ebenfalls. Gerne hätte ich euch umwerfende Bilder vom Half Dome von oben präsentiert, doch manche Grenzen können schlicht nicht überwunden werden. So bleibt das Suchbild ![]()

Als der Wind weiter zunimmt, machen wir uns vom Acker – ein Gewitter hier oben braucht es nun wirklich nicht. Flott fliegen die Meilen dahin und immer wieder greife ich kurzzeitig zur Regenjacke, wenn uns ein paar versprengte Tröpfchen treffen. Uns kommen immer wieder Wanderer entgegen und sogar einige Trail-Runner, die teilweise nichts (!) außer ihre Sportklamotten am Leib dabei haben. Was machen die denn, wenn das Gewitter so richtig losbricht und es feuchtkalt wird? Naja …
Bald schon stehen wir wieder am „Rastplatz“ und sprechen unseren Knien schonmal gut zu, das wird unschön. Ich dachte ja bergauf wäre das Stück übel gewesen … doch ich werde eines Besseren belehrt – bergab ist der Teil ein noch übleres Oberübel. Die Stufen teils so hoch, dass ich mich mit den Händen abstützten muss, um hinunterzuklettern. Entsprechend kaputti sind wir, als wir schließlich unten ankommen und die letzten 1,5 Meilen zum Parkplatz „auslaufen“.
An der Lady angekommen konstatieren wir: Was für ein irrer Hike! Sehr anstrengend, voller als gedacht, aber mit dem ultimativen Highlight (selbst für uns, ohne die letzten Meter zum Viewpoint) am Ziel. Noch nie war ein Hike in den USA für uns anspruchsvoller. Wer die 13 Meilen Clouds Rest in Angriff nimmt, sollte gut gerüstet sein.

Der Männe lenkt die Shäbbi Lady in Richtung des Olmstedt Point. Wir wollen gucken, wo wir uns vorhin hinaufgekämpft haben
Wir stapfen die paar Meter vom dortigen Parkplatz zum Aussichtspunkt und meine Beine schreien entrüstet auf – das wird ja nett morgen, Muskelkater ahoi. Mittlerweile liegt Clouds Rest (der Bergzipfel links auf dem Bild) eingemuckelt in den namensgebenden Wolken – surreal, dass wir vorhin dort standen. Stolz macht sich breit.

Zurück in der Lady stellt mein Körper prompt auf Erschöpfung / Erholung um, ich hole meine Kuscheldecke nach vorne und kämpfe auf dem Weg zum CG mit zuklappenden Äuglein. Angekommen gibt es noch einen großen Topf Nudeln, zuckerhaltige Belohnungsgetränke und dann einen schnellen Wechsel in die Horizontale. Clouds Rest 1, Annika (kurzzeitige) 0 ![]()
Wanderbilanz des Tages: 13 Meilen und 920 Höhenmeter in rund 7 Stunden + ein halbes Kilometerchen inkl. 37 (!) Höhenmeter am Olmstedt Point.
Lieben Gruß
Annika
Liebe Annika,
toller Hike, der steht auch noch auf meiner to-do-Wunschliste. Danke für den anschaulichen Trailreport!
Hoffentlich dauert es nicht allzu viele Jahre, bis ich mal wieder im Yosemite bin -und hoffentlich gibt mein Fitness-Status das dann auch her… 😬😎
Wunderschöner Park, les ich immer wieder gerne von.
Schöne Grüße, Janina.
Hallo Annika,
das war mal eine bemerkenswerte Wanderung ! Schade, dass ihr den Grat als letztes Teilstück ausgelassen habt, aber besser sicher als gefährdet.Ist dieser Teil auf einem eurer Bilder abgebildet oder hattet ihr so großen Respekt ?
Aber vor einem evtl. Gewitter macht man sich da m besten "aus dem Staub" !
Jetzt pflegt mal eure Glieder, dass es morgen weitergehen kann.
PS: Ich habe euren Hike zur entsprechenden Hiking-Übersicht beigefügt
Herzlichen Gruß
Bernhard
Scout Womo-Abenteuer.de
Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen (G.C. Lichtenberg)
Moin Janina,
ja, einfach eine tolle Kombination an Bedingungen dort, einfach die allerschönsten Steine
Lieben Gruß
Annika
Nordkalifornien 2023: Nebel, Rauch, Berggipfel, Baumriesen und wilde Küste
Moin Bernhard,
danke, fürs Verlinken!
Ja, wir hadern im Nachgang auch immer mal wieder mit uns, warum nicht zumindest einer von uns durchgezogen hat - aber soll ja auch Spaß machen und nicht in Starre enden
Der wirklich enge Teil ist nicht auf den Bildern, soweit haben wir es gar nicht geschafft - wir waren so hmm 15-20 m davor. Hier sieht man die Steigung besser:
Dort wo es oben auslevelt ist der eigentlich kribbelige Part - der Grat verschlankt sich immer weiter und ist dann wirklich nur noch so 3-4 m breit heißt es. Man soll wohl möglichst links gehen, da es rechts wirklich direkt steil in einem durch nach unten geht. Durch die erhöhte Laufposition sieht man das äh ... auch sehr gut
zu viel für uns, aber für Personen ohne bzw. wenig Stress mit Höhe bestimmt gut machbar. Der Stein hat auch ordentlich Grip.
Lieben Gruß
Annika
Nordkalifornien 2023: Nebel, Rauch, Berggipfel, Baumriesen und wilde Küste
Hallo Annika,
vielen Dank für deinen Bericht und die tollen Bilder von einem grandiosen Hike. Schade, dass ihr das letzte Stück nicht geschafft habt, aber die Eindrücke waren sicher auch so Spitzenklasse.
Mit dem Wetter hattet ihr Glück... der Berg hätte ja auch unter ☁️ gelegen haben können als ihr oben gewesen seid.
Wir haben den Hike auch seit ein paar Jahren auf unserer Wunschliste...
Ich drücke die Daumen, dass der Muskelkater morgen nicht zu stark ist.
Liebe Grüße, Mike
Experience!
Scout Womo-Abenteuer.de
Hi Annika,
mega Tour- auch ohne den letzten Rest bestimmt ein tolles Erlebnis! Ich seh schon wir müssen den Yosemite dringend mal wieder einplanen 😁
Gruß
Jonny
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